#19 über den Camino de la Muerte zum Titicacasee

Als wir drei an diesem Morgen starten, fällt die Verabschiedung kurz und knapp aus. Getreu nach dem Motto, man sieht sich irgendwo auf der Straße, trennen sich nun unsere Wege. Toni und ich fahren Richtung Sucre und genießen den perfekten Asphalt, der sich schlängelnd in die Berge windet. Nach wenigen Kilometern stoppen wir und sehen zum Schluss noch einmal auf den Salar de Uyuni hinunter. Ich bin mir sicher, dass ich hierher zurückkehren werde.

Es vergeht Stunde um Stunde ruhigen Fahrens, als die BMW von Toni plötzlich stoppt. Der Motor war einfach während der Fahrt ausgegangen und lässt sich nach kurzer Pause wieder erfolgreich starten. Fragend sehen wir uns an und beschließen, weiter zu fahren, um nach wenigen Kilometern wieder stehen zu bleiben. Es handelt sich um einen thermischen Fehler, der immer dann auftritt, wenn der Motor eine bestimmte Temperatur erreicht. Wir suchen uns ein schattiges Plätzchen in einem staubigen kleinen Ort, um das Motorrad zu zerlegen und dem Fehler auf die Spur zu kommen.

Kaum haben wir die Verkleidung abmontiert, umzingeln uns schon eine Schar Kinder, die neugierig zuschauen. Alle Stecker werden gereinigt und es wird alles kontrolliert, was man ohne Auslesegerät machen kann. Wir finden noch ein Lüfterrad, welches durch das Salzbad noch völlig festgebacken ist. Als der Motor bei einem Testlauf nicht mehr ausgeht, bauen wir alles wieder zusammen und beschließen, im nächsten Hostel die Nacht zu verbringen. Leider stirbt der Motor wieder nach wenigen Kilometern ab. Als der Übernachtungsort schon auf meinem Navi erscheint, kann ich es kaum glauben. Bei einer Talfahrt stirbt abrupt der Motor meiner Africa Twin ab und ich muss lachend den Kopf schütteln. Ein Unglück kommt selten allein. Ich kenne diese Art des Fehlers und weiß sofort, dass es sich um Benzinmangel handelt. Da sich im Tank noch genügend Sprit befindet, weiß ich ohne einen Handschlag zu tun, dass sich wieder einmal die Benzinpumpe verabschiedet hat. Gelassen warte ich auf Toni, der einen Reservekanister mit sich führt. So humpeln wir beide mit unseren angeschlagenen Zweirädern zum nächsten Ort.

Als wir unser Feierabendbier trinken, dudelt im Hintergrund noch die elektronische Musik des noch nicht abgebauten Weihnachtsbaumes und uns ist klar, dass der Fehler der BMW auf das Salzbad zurückzuführen ist. Um den warmen Nachmittag und somit der thermischen Vorbelastung am Tag zu entgehen, wollen wir am nächsten Morgen früh starten.

Als dann morgens die Motoren warmlaufen, fällt mein Blick auf das Thermometer, welches kühle 9’C zeigt. Bis nach Potosi sind es knapp 90 km und dort ist auch die nächste Tankstelle, denn ich benötige dringend Treibstoff. Die Straße ist genauso gut wie gestern und das Fahren macht richtig Laune. Mit jedem Meter, den wir weiter gen Osten fahren, wird die Vegetation grüner und die sonst so karg bewachsenen Berge ziert ein grünes Kleid.

Potosi ist eine Mienenstadt mit einer Jahrhunderte alten Geschichte. Schon die Inca haben hier Silber abgebaut, und ein Großteil des Reichtums Spaniens kommt direkt aus dieser Miene. Wir stoppen an einer Tankstelle und wollen fix alle Reserven wieder auffüllen. Tja, aber fix… geht hier nicht. Nachdem wir an der Reihe sind, wird gefragt, woher wir kommen. Dann wird der Pass verlangt und alles in ein Kassenprogramm eingetragen, dass schlussendlich den Preis für den Liter Benzin festlegt. Wir bezahlen doppelt so viel wie die Einheimischen. Nun könnte man laut schimpfen und fluchen, was aber eh nichts bringt. Später erfahren wir die Hintergründe für den Preis. Es liegt daran, dass unter dem letzten Präsidenten Evo Morales das Benzin für Einheimische subventioniert wurde und nur wir bezahlen den normalen Preis.

Potosi schmiegt sich in ein Hochtal und ist nicht besonders attraktiv. Vor der Stadt wird einfach der Müll auf wilden Kippen entsorgt. Alles ist dreckig und schlammig. Kleine Flüsse voll mit braunem Regenwasser queren die kaputte Straße. Wir folgen der Hauptstraße, die immer enger wird. Zahllose Marktstände bieten alles feil, was man so brauchen könnte. Alle Frauen tragen die typische bolivianische Tracht. Dazu zählen mehrere übereinander gezogene Röcke, ein meist bunter Poncho, und eine melonenartige Kopfbedeckung. Als wir an eine Polizeisperre kommen, werden wir durchgewunken. Der Markt wird enger und enger und kurze Zeit später stecken wir in einem doch recht großen Markttreiben. Im Schritttempo tasten wir uns Meter um Meter vor. Wir treffen auf ein paar Polizisten, die uns bitten, unsere Motorräder am Straßenrand zu parken. Als wir Absteigen und wir uns unsere Helme entledigen, wird uns auch langsam klar, was hier los ist!! Wir stecken mitten im Karneval und der Umzug hat sich gerade in Bewegung gesetzt. Dar Karneval hat hier noch einen ganz traditionellen Hintergrund. Alle Mienenarbeiter bitten um ein gutes neues Jahr und dass sie von Katastrophen und Unglücken verschont bleiben.

De Zug ist ausgelassen und alle Musikgruppen spielen den gleichen Rhythmus. Man bietet uns Bier an und wir werden häufig von den bolivianischen Jecken angesprochen. Immer sind die Fragen gleich…woher kommt ihr, wo wollt ihr hin, wie findet ihr Bolivien, wieviel Zylinder hat das Motorrad…etc…etc! Wir beantworten gerne alle Fragen und machen jeden Blödsinn mit. Stunde um Stunde vergeht und vom Ende des Zuges ist kein Anzeichen zu sehen. Auch wird die Stimmung mit dem steigenden Alkoholkonsum langsam etwas unlustig. Wir passen einen günstigen Moment ab und fahren quer durch den Zug zu einer Ausweichstraße.

Noch haben wir ca. 135 km nach Sucre vor der Brust, wohlwissend, dass die BMW jederzeit wieder liegenbleiben könnte. Aber es kommt anders und beide Mopeds laufen wie am Schnürchen. Keine zwei Stunden später rollen wir in die konstitutionelle Hauptstadt von Bolivien ein. Ich habe mir bei airbnb für die nächsten Tage ein Zimmer genommen und Toni versucht sein Glück in einem Hostel. Wir verabschieden uns und verabreden uns für den nächsten Tag auf ein Bier in der Stadt.

Als ich an der Andresse meines gebuchten Zimmers ankomme, traue ich meinen Augen nicht. Ein riesiges Anwesen mit meterhohen Zäunen und von Kameras bewacht liegt genau dort, wo ich mein Zimmer gebucht habe. Zögernd betätige ich den Klingelknopf und warte, ob sich etwas hinter der schweren Tür tut. Kurz darauf meldet sich eine weibliche Stimme an der Gegensprechanlage. Ich werde nach meinem Namen gefragt und als ich diesen nenne, höre ich den Türsummer und die Haustür springt auf. Eine sehr gepflegte Dame in Abendgarderobe empfängt mich in meinen dreckigen Enduroklamotten. Die Dame heißt Elsa und ist die Hausherrin. Elsa geleitet mich zu meinem Zimmer, nein was sage ich, zu meinem kleinen Luxusappartement. Ein riesiges Bett von 2,40 mx2,40 m lächelt mich an. Direkt davor hängt ein großer Smartfernseher, in der Dusche gibt es mehrere Duschköpfe und eine kleine Küche habe ich auch noch! Mir fehlen mal wieder die Worte.

Elsa erklärt mir höflich, dass ihr Mann Roberto, heute einen Empfang für seine Bankkollegen hält und ob es schlimm wäre, wenn ich mich heute etwas im Hintergrund aufhalten würde. Natürlich nicht, antworte ich, und freue mich schon mega auf mein Riesenbett. Der Abend wird spät. Ich sehe durch mein Fenster, dass Schaumwein gereicht wird. Danach kommt ein Sänger und dann eine Band. Es wird ausgiebig gegessen und getrunken. Das Ende der Veranstaltung bekomme ich nicht mehr mit, zu sehr zieht mich das Bett in seinen Bann.

Als ich morgens aufstehe, ist bereits alles aufgeräumt und geputzt. Die Haushälterin bringt mir meinen Kaffee, den ich am Pool zu mir nehme. Sehr entspannt genieße ich den Tag, schreibe etwas, im Halbschatten der Bäume in meinen Blog und genieße das Nichtstun. Den ganzen weiteren Tag sehe ich niemanden von den Herrschaften, die sich im oberen Teil des Hauses aufhalten. Ich fühle mich sauwohl, so ganz allein mit Pool und Hängematte.

Am nächsten Morgen mache ich mich auf die Suche nach einer neuen Benzinpumpe. Man schickt mich von Laden zu Laden und von Schrauber zu Schrauber. Irgendwann lande ich bei Nico. Als ich auf seinen Hof komme, sehe ich direkt, dass ich hier richtig bin. Eine Reihe von TOP gepflegten KTM und Honda Motocross Maschinen stehen dort und zeugen von Fachverstand. Kurzer Hand rufe ich Toni an, der auch einen Mechaniker für den Wechsel seines Lenkkopflagers benötigt. Als wir dann dort so zu dritt stehen, hält ein Taxi und ein großgewachsener Mitteleuropäer steigt aus. Wir begrüßen einander und kommen direkt ins Gespräch. Frank ist bereits seit 10 Jahren mit seiner alten BMW100GS unterwegs und holt diese gerade bei Nico ab, der diese gewartet hatte.

Wir verabreden uns für den frühen Abend auf ein Bier. Als wir dann in trauter Runde Erfahrungen und Tipps austauschen, kommt es mir schon irgendwie komisch vor. Ich frage Frank nach seinem Nachnamen, und als dieser mir ihn nennt, wird mir so manches klar. Seit mehreren Jahren lese ich intensiv seine Reiseberichte in sämtlichen großen Motorradzeitungen. Mal wieder schüttele ich den Kopf – wie klein die Welt doch ist. Der Abend ist kurzweilig, und müde falle ich mal wieder in mein Luxusbett.

Toni wird noch eine Zeit bei Frank wohnen und das Leben genießen. Ich hingegen fahre am nächsten Tag 370 km nach Cochabamba, weil man dort eine Benzinpumpe für mich gefunden hat.

Als ich in Cochabamba eintreffe, ist es bereits später Nachmittag. Die Stadt ist ein einziges Chaos…und ich hasse Städte! Ich finde schnell die Werkstatt mit meinem Ersatzteil und freue mich über die bereitgehaltene Pumpe. Es ist zwar nicht genau das, was ich suche, jedoch tut diese es ebenso gut. Als ich bezahlen möchte, trifft mich der Schlag…. denn der Preis hat sich in der Nacht um 500 % erhöht!! Ich bin geschockt und fühle mich total verarscht. Nicht, dass ich den Preis nicht bezahlen könnte, aber hier geht es um das Prinzip. Ich lasse mich halt nur sehr ungerne ausnehmen… denn man weiß um meine Lage und man möchte diese ausnutzen. Mein Gegenangebot, das ich unterbreite, wäre für beide Seiten ein Geschäft und jeder würde sein Gesicht waren. Aber leider bleibt es ohne Zustimmung. Entweder bezahle ich den Preis oder halt nicht. Achselzuckend drehe ich mich auf dem Absatz und verlasse wortlos das Ladenlokal und lasse den Verkäufer einfach stehen. Ich kann mit dem Motorrad ca. 500-550 km fahren, bevor ich die Benzinpumpe benötige. Alles halb so schlimm…es wird noch eine andere Möglichkeit geben.

Mittlerweile ist es dunkel geworden und ich fahre von Hostel zu Hostel, um einen Platz für die Nacht zu finden. Entweder ist es bereits ausgebucht, existiert nicht mehr oder es gibt keinen sicheren Parkplatz für mein Moped. Jetzt beginnt wieder eine Phase, die typisch für solche Reisen ist. Man ist total müde, unterzuckert, es regnet und nichts klappt mehr. Nun habe ich solche Situationen schon sehr häufig erlebt und weiß darauf zu reagieren. Als erstes benötige ich dann ein koffeinhaltiges Erfrischungsgetränk und Schokolade. Wenn mein Kreislauf dann wieder stabil ist, heißt es einfach, die Liste abzuarbeiten und ich betone „ohne“ sich darüber Gedanken zu machen. Ein Tiefschlag kommt selten allein, so auch natürlich auch wieder jetzt.

Da es in der Stadt keine Übernachtungsmöglichkeit gibt, fahre ich zu einem Hostel 7 km außerhalb. Es regnet in Strömen und mein Handy gibt den Geist auf. Zum Glück habe ich immer noch das Garmin parallel laufen, dieses führt mich aber, so auch jetzt, über die seltsamsten Wege. Der Weg wird schlammig und die Pfützen sind tief. Selbst bei Tageslicht müsste man die dicke Trude jetzt vorsichtig durch so ein Terrain fahren. Ich stehe in den Fußrasten und bin total konzentriert, dass ich die Fuhre nicht in die Botanik feuere. Und was kann man in diesem Augenblick am wenigsten gebrauchen…Ablenkung.

Wie aus dem Nichts schießen zwei kniehohe Hunde auf mich zu und verfolgen mich in der Dunkelheit. Mein Adrenalin schießt wieder bis zum Hals und ich versuche, mich auf den Weg zu konzentrieren. Ich erlebe diese Situation mit den Hunden täglich. Dazu muss man wissen, dass es in Südamerika Millionen von Hunden gibt. Entweder sie haben ein Zuhause und beschützen dieses, oder sie leben auf der Straße und kämpfen täglich um das Überleben. Alle leben aber frei, da es kaum Zäune gibt. Und ich weiß nicht warum, aber Hunde lieben anscheinend Motorradfahrer. Immer kommen sie allein oder in Gruppen auf einen zu gerannt und fletschen die Zähne. Meistens verfolgen sie einen dann mit großem Getöse, bis zur nächsten Häuserecke, wo dann die nächsten Wachhabenden übernehmen.

Anders aber in diesem Fall. Der erste Hund kommt von rechts und beißt mich direkt in meinen Knöchel und als ich meinen Fuß wegziehe, setzt er nach. Kurz überlege ich, was ich machen soll. Anhalten… ? Keine gute Idee! Schnelle Flucht? Keine gute Idee, bei der Strecke. Also konzentriere ich mich auf die Verteidigung. Ich setze mich in meinen Sattel so, dass ich die Füße frei habe. Als der zweite Hund auf der linken Seite nach meinem Knöchel schnappt, ziehe ich diesen blitzartig weg und trete der Bestie mit der Stahlkappe meiner Crosstiefel ins offene Maul. Laut wimmernd zieht der erste Hund ab. Gerade als ich nach dem Zweiten sehen will, merke ich, wieder einen Biss in den Stiefel. Durch einen festen Ruck kann ich mich lösen und treffe das zweite Vieh sehr kraftvoll irgendwo am Kopf. Ich nutze diesen Augenblick, um zu flüchten. Nach einigen hundert Metern halte ich an, um zu verschnaufen. Das Adrenalin schwemmt durch meinen Körper, von Hunger und Müdigkeit ist nichts mehr zu spüren. Noch lange dauert es, bis ich in dieser Nacht endlich in einem trockenen Bett liege.

Am nächsten Tag mache ich mich daran, meine defekte Benzinpumpe zu reparieren, was mir schlussendlich auch gelingen soll. Abends gehe ich etwas essen und, was soll es natürlich sein!?!

Natürlich gibt es, wie schon seit 10Tagen auch schon, gegrilltes Hähnchen mit Beilagen. Seitdem ich Chile verlassen habe, hat sich mein Speiseplan komplett geändert. Hier in Bolivien gibt es keine Empanadas, Milanese, Hamburger oder Sandwiches mehr. Hier isst man immer und überall Hähnchen. Ob gegrillt, frittiert oder gebraten…immer gibt es Hähnchen. Nicht, dass ich kein Geflügel mag. Und besonders hier, wo es bestimmt die besten Hähnchen weltweit gibt, würde ich mich aber über ein wenig Abwechselung auf der Menükarte sehr freuen.

Das nächste Ziel ist La Paz, die Stadt mit dem höchstgelegensten Regierungssitz der Welt. Schätzungsweise leben aktuell ca. 3,5 Millionen Menschen in und um La Paz, auf einer Höhe von 3100 m bis 4200 m. Bis dorthin sind es knapp 400 km über eine gut ausgebaute Straße. Eigentlich wollte ich durch die Berge fahren, dieses wurde mir aber von mehreren Seiten abgeraten, da die Bergpiste durch viele stark angestiegenen Flüsse unpassierbar ist. Also rolle ich entspannt die Kilometer bis nach La Paz. Zwischendurch gibt es mehrere starke Gewitter und als ich in die Millionenmetropole hineinfahre, regnet es wieder aus Eimern.

La Paz ist ein Moloch wie er schlimmer nicht sein kann. Die Stadt liegt mitten im Hochgebirge und aufgrund der geografischen Besonderheiten ist ein modernes Straßennetz undenkbar. Von allen Seiten drängen kleine Straßen ins Zentrum und werden von hunderttausenden Autos verstopft. Ich brauche für eine Strecke von ca.10 km ungefähr 1,5 Stunden. Nichts geht hier mehr! Ich bin schon in Saigon mit dem Motorrad gefahren und weiß, was chaotischer Verkehr ist. Aber das hier ist etwas anderes und es gibt nur ein Wort dafür…“ Anarchie“!! Hier gewinnt der, der am stärksten und am schnellsten ist.

Als ich endlich an der Adresse angekommen bin, wo mein Hostel sein soll, erfahre ich von der Nachbarin, dass es dieses nicht mehr gibt. Mein Handy streikt, weil Regen in die Ladebuchse gelaufen ist. Ich überlege, was ich tun soll. In meinem Navi sind POI’s für Motorradfahrer und ich finde unweit von meinem Standort einen Yamaha-Händler. Dort angekommen, kümmert man sich rührend um mich. Ich bekomme einen Kaffee und in der Werkstatt blase ich mit Pressluft mein Handy zurück ins Leben. Der Werkstattmeister sucht, leider erfolglos, noch nach einer Benzinpumpe. Mit meinem funktionierenden Handy ist schnell ein Zimmer via airbnb gebucht und kurz darauf auch bezogen.

Am nächsten Morgen ist es trocken und ich beschließe, den Camino de la Muerta, die Straße des Todes zu fahren. Der Einstig liegt ca. 60 km nördlich von La Paz. Mühsam quäle ich mich durch den morgendlichen Berufsverkehr. Genervt und durchgeschwitzt verlasse ich irgendwann La Paz.

Der Einstieg ist schnell gefunden und ich bin gespannt, was mich erwartet. Der Camino de la Muerte, oder auch die Yungas-Straße genannt, wurde in den Jahren 1931 bis 1936 gebaut und war bis Dezember 2007 als zweispurige Straße geöffnet. Sie ist die gefährlichste Straße der Welt und trug den Beinamen Todesstraße.

Heute ist sie für den öffentlichen Durchgangsverkehr gesperrt und wird fast ausschließlich nur noch in der Abwärtsrichtung befahren. Trotzdem ist dieses eine spektakuläre Route, da es an vielen Stellen immer noch hunderte Meter in die Tiefe geht. Es werden Flüsse gequert und Wasserfälle unterfahren. Insgesamt benötige ich für die 60 km mit vielen Fotostopps und Pausen keine 3 Stunden. Alles in allem ist die Strecke gut zu befahren. Man sollte allerdings sein Fahrzeug kennen und nicht unbedingt an Höhenangst leiden.

Am frühen Nachmittag trudele ich gut gelaunt wieder im verregnetem La Paz ein. Der Verkehr raubt mir wieder den letzten Nerv und ich beschließe, keine Stadtrundfahrt mehr zu machen, da die gesamte Stadt in einer tiefen Wolkendecke gefangen ist. Schade auch…!

Mein heutiges Ziel ist der 135 km entfernte Titicacasee, der auch die Grenze zu Peru bildet.Ich versuche mich absolut zu entspannen, denn ich muss erstmal aus La Paz heraus und ich weiß, es wird eine Herausforderung, da nur eine einzige Straße aus der Millionenmetropole in diese Richtung führt. Es wird gedrängelt und gehupt, Blinker werden niemals benutzt. Es wird einfach die Fahrbahn gewechselt oder einfach mitten auf der Straße angehalten, um neue Fahrgäste aufzunehmen. La Paz hat keinen wirklichen öffentlichen Nahverkehr. Es wird alles mit einer unzählbaren Armader von Kleinbussen organisiert und transportiert. Auf einem Stück der Straße zähle ich, dass auf einer normalen zweispurigen Straße mit Seitenstreifen gleichzeitig sieben Spuren von Kleinbussen fahren. Was heißt fahren … die Stahllawine kriecht im Schritttempo dahin, oder bleibt einfach stecken. Die Abgase sind kaum zum Aushalten und brennen in den Augen. Auf mich als Motorradfahrer wird hier keine Rücksicht genommen. Ich werde geschnitten und abgedrängt, wo es auch immer nur geht. Mehrmals berührt man meine Koffer oder auch meine Sturzbügeltaschen.

Und dann passiert es…! Ein Kleinbusfahrer sieht zu mir herüber und schert vor mir ein, in der Hoffnung, ich, der Tourist mit dem Moped, gebe nach. Aber weit gefehlt, mein lieber Freund. Der Bus kommt näher und näher, aber ich gebe meinen Platz nicht auf. Der Fahrer fängt an, Dauer zu hupen und lenkt kräftiger ein. Nun berührt sein Kotflügel mein Bein. Mir platzt der Kragen und alle meine gestauten Aggressionen suchen sich ihren Weg nach außen. Ich ziehe den Fuß zurück und trete dem Kleinbus mit meinen Stahlkappen bewährten Stiefel in den Kotflügel. Das laute Scheppern hört auch der Fahrer und fängt an wild zu gestikulieren. Ich reiße meinen Klapphelm auf und brülle den Fahrer an und beschimpfe ihn mit allem, was mir einfällt und hebe drohend meine Faust. Der Fahrer will aussteigen, was ihm aber leider aufgrund der Enge des Staus nicht gelingt. Gerade in diesem Augenblick bildet sich vor mir eine kleine schmale Gasse, genau so breit, dass ich mit meinem Moped davonfahren kann.

Als nach 30 km endlich das Chaos nachlässt, benötige ich erstmal eine ausgiebige Pause, um herunter zu kommen. Ab heute werde ich in keine große Stadt mehr hineinfahren, wenn es nicht unbedingt sein muss. Mir gefallen sie eh nicht, und auf das Gebotene kann ich gut verzichten.

Die Fahrt weiter zum Titicacasee ist entspannend und landschaftlich schön. Gegen frühen Nachmittag erreiche ich das kleine Grenzstädtchen Copacabana. Das ist, was ich mag! Klein und ohne Stress, mit alten Märkten und Straßenküchen. Mir gefällt es auf Anhieb so gut, dass ich beschließe ein paar Tage hier zu bleiben, den Blog zu schreiben und mich auf mein nächstes Ziel vorzubereiten. Peru hat mich schon mein ganzes Leben fasziniert und ich bin gespannt, welchen Herausforderungen ich mich dort stellen muss…. es wird bestimmt alles, aber bestimmt nicht langweilig!

5 Kommentare zu „#19 über den Camino de la Muerte zum Titicacasee“

  1. Hallo Danni !

    Wieder sehr schöne Bilder und ein toll geschriebener Berich, TOP !
    Kann mir Deinen Erholungsbedarf gut vorstellen.
    Einen solchen Berg an Eindrücken muss man erst einmal verarbeiten. 😉

    Ich wünsche Dir weiterhin eine gute und sichere Reise !

    Freue mich schon auf das nächste Kapitel. 😉

    Gruß aus dem wilden Westerwald !
    Achim

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