#15 über den Paso de Agua Negra

Vor Sonnenaufgang weckt mich das Rauschen des unweiten Pazifiks. Ich habe gut geschlafen und freue mich auf den Tag. Ein Kaffee in kurzer Hose am Meer… ja, so könnte meinetwegen jeder Tag beginnen. Wie schön müsste es sein, so zu leben. Viel Stress würde bei diesem Anblick im Keim erstickt.

Gestern Abend entschied ich mich spontan für ein Abendessen mit Blick auf den Sonnenuntergang direkt über dem Meer. Das kleine Örtchen Tongoy hat dazu viele Möglichkeiten. Aber wie so häufig ist das Essen dann dort nur zweitklassig. Man muss halt da essen, wo die Einheimischen ihre Speisen einnehmen und das ist nicht in der ersten Reihe. Der Fisch ist zu lange in der Pfanne und zu trocken, der Reis ohne Salz und der Salat wie immer ohne anständiges Dressing. Dressing kennt man in Südamerika sowieso nicht. Es gibt lediglich Öl, Zitrone und Salz…selbst nach Pfeffer muss man fragen. Wie leicht wäre es, einen unvergesslichen Salat mit Meeresfrüchten zu zubereiten. Es gibt auch an Gemüse alles, was das Herz begehrt, aber nirgendwo bekommt man so etwas. Das nächste Mal bin ich wieder schlauer und gehe in die dritte Reihe, wo es deutlich günstiger und besser ist. Der spektakuläre Sonnenuntergang war es aber wert.

Am nächsten Morgen sitze ich wieder auf meiner Twin und der grobe Asphalt läuft ruhig unter den Rädern. Es geht weiter am Meer entlang und später auf die Ruta 5, die Straße, die den Norden mit dem Süden verbindet.

Wer mich kennt, weiß, dass ich eine besonders gute Nase habe und Vieles rieche, was anderen verborgen bleibt. Das ist hier nicht immer ein Geschenk. Im Großen und Ganzen muss man leider sagen, dass große Teile sehr dreckig und vermüllt sind. Der Müll stinkt unter der Sonne zum Himmel und häufig riecht es nach Fäkalien. Dazu kommen die Abgase der vielen LKWs und der Transporter. Auch ist auffällig, dass am Straßenrand häufig riesige Berge an Plastikflaschen liegen. Erst später, als ich mir so einen Haufen aus der Nähe ansehe, bemerke ich, dass es sich um Gedenkstätten von Unfalltoten auf dieser Straße handelt. Als Opfergabe, dass es den verstorbenen an nichts fehlt, stellt man bei jedem Besuch eine neue mit Wasser gefüllte Flasche dazu. Warum man dann die alten Behältnisse nicht wieder mitnimmt, entzieht sich meinem Wissen. Bei uns nimmt man ja auch die alten Blumen vom Grab herunter, wenn sie ihre Schönheit verloren haben…

Bald passiere ich La Serena, die zweitgrößte Stadt Chiles. Ein Moloch wie er im Buche steht. Gerne würde ich mir das eine oder andere ansehen. Mittlerweile ist es aber mit 34’C sehr heiß und ich freue mich lieber über den etwas kühlenden Fahrtwind. Jetzt in voller Motorradmontur durch die Stadt schlurfen und sich alte Kirchen und Plazas ansehen – eventuell ein anderes Mal.

Heute habe ich mich mit Siggi verabredet. Ich hatte seine Kontaktdaten in Vina bekommen und den Hinweis, dass man auf seiner Farm übernachten könne. Siggi wohnt am Ende eines unter Esoterikern bekannten Tales. Dabei handelt es sich um das Tal des Rio Cochigas, indem ein besonderes Kraftfeld wirken soll und für so manches Phänomen verantwortlich sein soll. Viele der Unterkünfte werben mit Yoga und Selbstfindungskursen. Auch sehe ich kleine dreieckige Pyramiden aus Kupfer, unter denen man meditierend die gebündelte Kraft des Universums empfangen kann. Da ich mich selbst damit zu wenig auskenne und mit Bestimmtheit daran glaube, dass es Vieles zwischen Himmel und Erde gibt, was wir noch nicht wissen oder erklären können, akzeptiere ich jeden und seine Meinung. Und ein wenig Kraft und eine positive Einstellung zum Leben kann nie schaden.

Siggi empfängt mich am Tor seines Anwesens auf seiner laut blubbernden Husaberg FE570. Auf seinem Schoß sitzt sein Hund, der, wie ich später erfahre, bis 120 km/h Enduro tauglich ist.

Nicht umsonst fährt der Besitzer eine Enduro, denn bald darauf fahren wir über ausgewaschene Wege mit ansehnlichen Steigungen und Kehren. Auch eine kleine Brücke ist dabei, die den Rio quert. Sie ist maximal 75cm breit und hat am Anfang und Ende jeweils einen 20 cm hohen Absatz.

Als ich unvorbereitet um die Ecke komme, habe ich nicht viel Zeit zu reagieren. Mit jeder leichten Enduro ist das ein Klacks, allerdings wiegt meine Fuhre mit mir knapp 400 kg! Mal schnell kurz das Vorderrad anlupfen, bleibt ein Wunschtraum. Also hinstellen, Arsch nach hinten und ein beherzter Gasstoß. Aber vorher darauf achten, dass die Richtung stimmt, sonst geht das Moped baden. Die Brücke ächzt unter dem Gewicht, als ich darüberfahre. Auch auf dem weiteren Weg hoch zum Haus bleibt es noch spannend. Das Hinterrad dreht durch und die Twin stellt sich zweimal quer mit dem Vorderrad Richtung Abhang zeigend. Nach solchen Situationen frage ich mich immer, wie es den beiden Schweizern wohl ergeht. Katrin ist Fahranfängerin und mit solchen Aufgaben mit Sicherheit grenzwertig überfordert.

Endlich heile angekommen am Haus, bekomme ich überraschender Weise einen Teil des Hauses angeboten, welches für den Gästeempfang gedacht ist. Ich bin sehr froh über eine kühle Unterkunft, denn draußen ist es 36’C heiß. Schnell ist das Moped abgepackt und ich nehme eine kalte Dusche.

Siggi ist vor 33 Jahren nach Chile ausgewandert und war vom Arbeiter in einer Goldmine bis hin zum Bauunternehmer schon alles. Man muss halt nehmen was kommt, erzählt er mir später bei einer Dose Bier. Seit seiner frühesten Jugend fährt der Auswanderer Enduro und hat schon verschiedene nationale Läufe mit Bravour abgeschlossen. Gas geben ist eines seiner Lebenselixiere und obwohl im Augenblick das Geld ein wenig knapp ist, kommt ein Verkauf seiner heißgeliebten Husaberg nicht in Frage.

Als ich ihn frage, warum man sich hier am Ende der Welt niederlässt, antwortet der 65jährige, dass das Schicksal ihn hier hat niederkommen lassen. Obwohl Siggi ein waschechter Oberbayer ist, hat er mittlerweile den Zugang zu vielen esoterischen Bereichen gefunden und kennt sich mit dem Thema bestens aus. Es wird ein sehr interessanter Abend mit vielen Sachen, über die ich schon lange nicht mehr nachgedacht habe.

Es ist absolute Stille im Tal, als ich ins Bett krieche. Durch das offene Fenster kann ich den Sternenhimmel und die Milchstraße sehen. Ich hänge noch eine ganze Zeit meinen Gedanken und dem Gehörten nach, bis ich dann einschlafe.

Ich werde einen Tag länger bleiben und versuchen, die Kraft des Tales zu spüren. Es ist sehr friedlich und ruhig hier. Der kühle Wind aus den Bergen macht das Entspannen unter dem Pfefferbaum erträglicher. Abends koche ich für uns beide und es wird wieder ein kurzweiliger Abend.

Als wir uns am nächsten Morgen verabschieden, bin ich mir sicher, dass wir uns wiedersehen werden. Ich werde auf jeden Fall etwas mitnehmen. Was ich daraus mache, wird sich später herausstellen.

Es ist noch angenehm kühl, als ich durch das mit Weinreben bewachsene Tal Richtung Westen rolle. Heute will ich über den 4753 m hohen Paso Aqua Negro fahren. Für Mensch und Material ist es das erste Mal, dass wir uns einer solche Höhe stellen. Ich habe genügend Wasser mitgenommen, welches ich ständig in mich hineinpumpe, um der Höhenkrankheit vorzubeugen. Auf den ersten 145 km ist die Auffahrt noch asphaltiert, welche sich ab der Grenzstation dann in Schotter wandelt. Die letzten zwei Tage habe ich auf einer Höhe von knapp 2000 m verbracht, auch um mich zu akklimatisieren und hoffe, dass ich davon profitiere.

Schnell steigt die Höhenanzeige meines GPS-Gerätes auf 3000 m. Die Landschaft ist atemberaubend. Berge in allen Farben, von rot, okka bis hin zu grünlichen Bergformationen türmen sie sich bis in den Himmel auf. Der Himmel ist stahlblau und somit ein perfekter Kontrast zur Szenerie. Ständig höre ich in mich hinein, ob mir mein Körper Symptome der Höhenkrankheit meldet. Ab 3500 m Höhe macht sich dann die fehlende Leistung des Motors bemerkbar. Zweimal denke ich nach einem Fotostopp, dass ich den zweiten oder dritten Gang eingelegt habe. Falsch, es ist der richtige Gang, bloß der Motor hat eine Charakteristik wie ein Gummiband. Ansonsten kommen wir beide mit der Situation gut klar. Das Atmen wird ab 4000 m dann spürbar schwerer. Ich bemerke, dass mir bei schnellen Bewegungen oder Anstrengungen ein wenig schwindelig wird. Das ist aber normal und ich mache mir deshalb keine Gedanken. Die Piste windet sich in wahnwitzigen Kehren den Pass hoch. Meter um Meter steigt die Höhe. Schon lange sind wir höher als die Zugspitze mit 2962 m und bald haben wir die Höhe des Mont Blancs mit 4810 m erreicht. Als ich um die letzte Kurve komme, sehe ich den Sattel des Passes. Der Wind nutzt auch die Vertiefung in den Anden und bläst mit all seiner Kraft ins Tal. Rundherum reihen sich die gigantischen Berge auf, die hier bis zu 6000 m hoch sind. Ein magischer Ort…! Ich suche mir ein windgeschütztes Eckchen und mache eine verdiente Kaffeepause. Lange sitze ich so und lasse das Panorama auf mich wirken. Irgendetwas passiert im Menschen, wenn man solche Naturereignisse ansieht. Man merkt, wie unendlich klein man persönlich ist. Nachdem ich alles in Ruhe genossen habe, pappe ich einen meiner Aufkleber auf eines der Schilder und mache die typischen Fotos. Dann verabschiede ich mich und rolle langsam den Pass auf der argentinischen Seite herunter. Die Szenerie ist nicht weniger reizvoll. Es dauert noch zwei Stunden bis ich wieder die Hochebene erreiche und mich empfängt wieder eine Gluthitze. An diesem Tag trinke ich 7,5 Liter, ja…inklusive dem Abendbier.

Ich sehe zu, dass ich einen schattigen Campingplatz finde. Für die Schönheiten der Natur habe ich keine Augen mehr. Es ist zu heiß, um zu fotografieren und zum Pause machen. Seit Beginn meiner Reise nutze ich die App „I Overlander“. Das Programm ist kostenfrei zu nutzen und funktioniert auf jedem Smartphone. Diese ermöglicht das Finden von Schlafplätzen, Tankstellen und Einkaufmöglichkeiten. Auch sind alle Campingplätze, ob wild oder bewirtschaftet verzeichnet. Man kann erfahren, wieviel sie kosten und wie die Ausstattung ist. Mit einem Click auf den Routenplaner navigiert das Handy auch offline dann direkt zum gewünschten Platz.

Heute würde ich kein Navi mehr mit auf eine solche Reise nehmen. Ob Garmin, TomTom oder sonst etwas. Zu lange haben die Hersteller dieser Geräte geschlafen und keine Weiterentwicklung betrieben und sich auf ihren Lorbeeren ausgeruht. Hinzu kommt, dass viele Navis nur mit kostenintensiven Karten zu betreiben sind. Mittlerweile sind diese zum Reisen so gut wie überholt. Kaum einer der Traveller, die ich bisher getroffen habe, navigiert heute noch mit dieser Art von Geräten. Jedes Handy errechnet schneller die gewünschte Route und hat alle anderen Infos wie Restaurants mit Bewertung und weiteren nützlichen Apps parat. Hier wäre noch die App „MAPS.ME“ zu erwähnen. Ein Offline-Routenplaner mit vielen Extras. Mit diesen beiden Programmen hat man alles was man benötigt. Mein Samsung Xcover4S, ein wasserdichtes Outdoormodell, habe ich mit Hilfe eines X-Gripps am Lenker befestigt. Eine perfekte Kombination, die auch die heftigste Piste ausgehalten hat. Mehr benötigt man heute nicht mehr!

Auch würde ich heute keine Fotokamera mehr mitnehmen. Zu schwer, zu groß und nur bei schlechten Lichtverhältnissen im Vorteil. Alle Fotos, die ich hier bereits veröffentlicht habe, stammen von meinem Handy. Auf dem Markt gibt es jetzt Modelle, mit mehreren Leica Linsen, das wäre meine Wahl und adieu den Festplatten und der Schlepperei.

Auch so suche ich mir an diesem Abend für morgen schon ein schattiges Plätzchen und navigiere dort am nächsten Tag hin. Die Strecke führt durch den Parque Provinzial Ischiguaiasto, einem landschaftlich sehr abwechslungsreichen Gebiet. Man hat das Gefühl in Arizona, Botswana oder schon in Mittelamerika zu sein. Rot leuchten die schroffen Gesteinsformationen in der Morgensonne. Die Straße hat einen perfekten Belag und man kann es so richtig fliegen lassen. Bei einem Stopp und einem Blick auf meine Reifen lasse ich ein wenig mehr Ruhe walten. Nach dem Park wird die Straße zu einem langweiligen Band, das bis an den Horizont und weiter reicht. Mehrere hundert Kilometer gerade aus. Die Temperatur ist um 10:30 Uhr nicht mehr zum Aushalten. Bei einer Kaffeepause beschließe ich spontan meine Route zu ändern und nicht mehr weiter nach Westen zu fahren. Ich werde mit einem kleinen Schlenker zum nächsten 5000 m Pass fahren und wieder Richtung Chile abbiegen. Dies sind die Vorteile, wenn man allein reist. Man ist frei in allen seinen Entscheidungen.

Es ist früher Mittag als ich die Campsite erreiche. Ein kleiner parkähnlicher Platz mit Pool und viel Schatten unter unterschiedlichen Obstbäumen. Genau was ich jetzt brauche…! Ohne das Moped abzupacken springe ich in Unterhosen in den kühlen Pool. Wau…! Selten habe ich mich so auf ein erfrischendes Nass gefreut! Der Besitzer bringt mir eine eiskalte Dose Bier, die ich auf Ex wegzische! Jepp… hier kann man es aushalten. Nach der intensiven Abkühlung macht die Dame des Hauses mir noch frittierte Empanadas und ich bin sehr zufrieden. Ich sitze abgekühlt im Garten Eden und entspanne. Aber das soll sich kurz darauf ändern. Aktuell bin ich der einzige Gast und ich freue mich auf eine ruhige Nacht. Ab 15:00 Uhr entsteht wildes Treiben auf der Anlage. Tische werden aneinandergereiht, eine ordentliche Soundanlage inclusive einem Mischpult wird aufgebaut und alles wird geschmückt. Ich frage nach, was es damit auf sich hat, und die Antwort lässt jedes Grinsen in meinem Gesicht verschwinden. Es werde heute der Geburtstag ihrer Tochter gefeiert, gibt die Dame des Hauses mir Auskunft. Die Kleine wird fünf Jahre alt und das wolle man anständig feiern. Nun…denkt jeder Deutsche, was soll es, ein kleiner Kindergeburtstag, was soll da schon passieren? Richtig, aber wir sind hier in Südamerika und da sieht die Welt ein wenig anders aus. Ab 18:00 Uhr läuft der Soundcheck und ich verstehe mein eigenes Wort nicht mehr. Die Anlage beschallt die halbe Stadt, denn die ist auch schließlich eingeladen. Ich überschlage die Außensitzplätze und komme auf eine Anzahl von 120 Plätzen. Als dann die Hüpfburgen aufgebaut werden und der extra bestellte Geburtstagsanimateur seine Licht- und Seifenblasenanlage installiert, schwant mir nichts Gutes. Da ich bereits alles aufgebaut habe und auch schon ein oder zwei kühle Blonde getrunken habe, bin ich zum Bleiben verbannt.

Die Soundanlage gibt ihr bestes, vier kühlschrankgroße Boxen tun, wofür sie gebaut wurden, und das Schrägste ist: … es ist noch nicht einmal jemand da. Eine Mischung zwischen mexikanischer Folklore und Volksfestgejodel bringen mich trotz bereits implantierter Ohropax zum Wahnsinn.

Da hilft nur noch die Flucht nach vorne. Das Sixpack 0,6 Liter Dosen ist schnell gekauft und der Plan ist, schön angeschossen früh ins Bett.

Ab 19:30 Uhr kommen die ersten Gäste, alle aufgehübscht und meistens mit ihrem Nachwuchs im Gepäck. Der Geburtstagsanimateur gibt alles. Er redet wie ein Vollprofi auf der Raupe der Cranger-Kirmes. Ohne Unterlass und ohne Luft zu holen feuert er die Gäste an. Es wird voll und das Buffet wird um 22:00 Uhr eröffnet. Man darf dabei nicht vergessen, wir reden hier von einem Geburtstag einer 5 Jährigen. Was muss wohl passieren, wenn man die Volljährigkeit erreicht? Ich kann und will es mir einfach nicht vorstellen. Mein Plan, früh ins Bett zu gehen, scheitert an der noch herrschenden Temperatur. Es ist immer noch knapp 30’C heiß und im Zelt ist es nicht auszuhalten. Als ich merke, dass der Pool völlig leer ist, sehe ich eine Chance, den Abend doch noch zu überleben. Mit der letzten Büchse setze ich mich in den Pool und höre dem Treiben zu. Es wird später und später. Ein Spiel jagt das Nächste und es ist eine ausgelassene Stimmung. Man könnte denken, dass es irgendwann ruhiger wird, der Nachwuchs muss ja ins Bett, aber weit gefehlt. Ich bin schon schrumpelig wie eine Rosine und das Nachschubbier ist auch schon vertilgt, als es plötzlich etwas leiser wird. Ich gehe nachsehen und stelle fest, dass sich die letzten Gäste im Aufbruch befinden.

Mittlerweile ist es 2:00 Uhr und ich bin total müde und will nur noch auf die Matratze. Als ich liege, höre ich noch, dass alles abgebaut und aufgeräumt wird. Irgendwann übermannt mich die Müdigkeit und ich sacke ins Reich der Träume. Aber so ist das hier, das Wort Rücksicht oder Ruhe, gibt es hier nicht. Egal ob der Campingplatzbesitzer, der die Disko zu nachtschlafender Zeit anwirft, oder ob man in Ruhe in dem Straßenlokal etwas essen möchte, jeder dreht überall seinen Lautsprecher bis zum Anschlag auf. Und krächzt und knartscht es noch so sehr … es muss überall laut sein.

So auch jetzt, als ich diese Zeilen schreibe. Ich sitze auf einem eigentlich schönen Campingplatz völlig allein und im Hintergrund dudelt seit Stunden die Dauerbeschallung. Der Pool und die Anlage sind ca. 200 m entfernt, aber man könnte hier jetzt tanzen. Morgen werde ich trotzdem noch einen Tag hierbleiben, da die Infrastruktur stimmt. WLAN, Duschen und Toiletten sind Top und dass ganze kostet keine drei Euro pro Tag. Zur Not werden die Ohropax herausgeholt.

Am Abend ziehen dunkele Wolken auf, große Wärmegewitter haben sich vor den Anden festgesetzt. Es fängt an zu schütten als gebe es kein Morgen mehr. Ich sitze mit der Familie des Platzbetreibers unter einem geschützten Dach und wir schlürfen Mate -Tee. Alle sprechen Englisch und ich erfahre viel über Land und Leute. Als es nach Stunden des Dauerregens eine kleine Pause gibt, gehe ich zu meinem Zelt. Der ganze Platz steht zum Teil knöcheltief unter Wasser. In weiser Voraussicht habe ich das Zelt auf dem höchsten Punkt des Geländes aufgebaut. Aber selbst hier steht das Regenwasser ca. 1-2 cm hoch. Ich spanne das Zelt nach und öffne das Vorzelt und frage mich, was mich wohl im Inneren erwartet. Der erste Blick lässt mich zufrieden grinsen…alles trocken. Blitze im zwei Sekundentakt und grollende Donner wechseln sich ab. Es schüttet wieder und die Blitze werfen bizarre Schatten der Bäume auf den Zelthimmel. Ich finde es super, schon als Kind habe ich sehr gerne im Zelt geschlafen, wenn es regnete. Man ist direkt in der Natur und ihren Gewalten, hört das Trommeln der Tropfen, merkt das Ziehen und Schütteln des Windes am Zelt und man liegt trocken eingemummelt in seinem Schlafsack mittendrin. Ich schlafe in dieser Nacht so gut, wie selten auf meiner Reise.

Mein nächstes Ziel ist der Paso San Francisco mit knapp 5000 m Höhe. Der Pass ist umringt von den höchsten Vulkanen Südamerikas, die bis knapp 7000 m reichen. Ich bin morgen sehr auf den Streckenzustand gespannt, es wird wohl viel durch den Regen zerstört worden sein! Die Höhe sollte mir und meiner Trude keine Probleme mehr machen…aber wer weiß das schon!

6 Kommentare zu „#15 über den Paso de Agua Negra“

  1. Hallo Danni,
    wieder ein kuzweiligers und stimmungsvolles Kapitel.
    Auch Deine (kleinen) Fotos bringen die Eindrücke und Stimmungen gut rüber.

    Könntest DU mir bitte eine Frage beantworten, die ich schon diversen Reisenden gestellt habe ?
    Antworten blieben biher leider aus.
    Was bewegt Dich und eben viele Andere dazu, jede Ecke unserer Welt mit Aufklebern voll zu bappen ?
    Bei einem Übernachtungs.-/Rastplatz ist es doch auch selbstverständlich, diesen so wieder zu verlassen als ob man nie da gewesen wäre.
    Du selbst regst Dich doch auch über die Gedenk.-Plastikflaschenberge am Straßenrand auf.
    Wenn Schilder und Fassaden mit Grafitti und Eddingschmierereien “verziert” werden, mag das doch auch niemend.
    Nur ein Denkanstoß. 😉

    Ich wünsche Dir weiterhin eine sichere und abenteuerrreiche Reise und freue mich auf das nächste Kapitel.
    Gruß !
    Achim

    1. Achim sollte das eine ernsthafte Frage sein oder doch ein “Denkanstoß”… Wie dem auch sei, ich beantworte Dir mal deine Frage.

      In ganz Südamerika haben fast alle einheimischen Motorrad- und normalReisenden Aufkleber dabei, diese werden gewissenhaft entworfen und dann mit anderen Reisenden oder auch .Polizei, Feuerwehrmännern oder Grenzposten getauscht. Es freuen sich alle immer, auch die Läden oder Tankstellenbesitzer freuen sich wenn man sich bei Ihnen “verewigt”. Die Einheimischen haben damit keine Probleme und lieben die Aufkleberchen. Für die Menschen die da leben ist es eine Ehre so viele Aufkleber wie möglich an ihrer Türe zu haben. Das zollt von Respekt und wird gerne gesehen. wir konnten uns gar nicht retten vor AufkleberGeschenken bis kein Platz mehr auf unseren Koffern war… Manchmal musste man richtig aufpassen wohin man den Aufkleber auf seinem Bike klebt. Da sind sie eitel! Er sollte schon gut zur Geltung kommen!

      Und dann kommen so Weltverbesserer von der anderen Seite der Welt und wollen den Einheimischen Ihre Weltanschauung aufdrücken nur weil Sie keine Aufkleber mögen oder es einfach nicht verstehen (wollen)…., Die meisten waren noch nicht mal dort und/ oder kennen irgenwen der in Südamerika lebt…
      ^^Nur ein Denkanstoß 😉

      LG Sascha

  2. Georg Morgenthaler

    Hallo Danni,
    Ich wollte den Artikel Siggi zukommen lassen, aber er ist Niederbayer und wird dir das “Oberbayer” wohl nicht verzeihen. Wieder ein toller Beitrag. Bin gespannt auf den nächsten.
    Wünsche Dir auch eine weiterhin tolle und entspannte Reise
    Gruß
    Georg

  3. Servus Danni
    Danke für Deine super geschriebenen Berichte und eindrucksvollen Fotos Deiner traumhaften Reise und dass ich Dich dabei “begleiten” darf – bin sehr beeindruckt und freue mich über jeden weiteren Bericht, nicht gut bei meinem derzeitigen Fernweh und Reisefieber :o)
    LG Friedo
    PS: ich liebe Aufkleber ;o)

  4. Servus Danni
    Danke für Deine super geschriebenen Berichte und eindrucksvollen Fotos Deiner traumhaften Reise und dass ich Dich dabei “begleiten” darf – bin sehr beeindruckt und freue mich über jeden weiteren Bericht, nicht gut bei meinem derzeitigen Fernweh und Reisefieber :o)
    LG Friedo
    PS: ich liebe Aufkleber ;o)

  5. Hi Danni,
    es ist immer wieder schön zum morgendlichen Kaffee Deinen Blog zu lesen. Am liebsten möchte ich an der nächsten Kreuzung auf Dich warten, um eine Etappe gemeinsam zu fahren.

    Pass auf Dich auf und keep rolling
    Grüße aus dem frostigen Europa
    far-rider

    P.S. Ich hoffe du bist noch zufrieden mit meinen Empfehlungen.

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