#13 auf nach Norden

#13 auf nach Norden…Grenzprobleme oder warum ich eine Nacht bei der Polizei verbrachte

Die Tage in Ushuaia sind erholsam und ruhig und deshalb bin ich recht ausgeruht, als ich am 1. Weihnachtsfeiertag aufbreche. Die Verabschiedung von meiner Gastfamilie ist kurz und knapp, da alle noch schlafen. Der Heiligabend endete um 4:00Uhr und ich bin froh, dass ich mich für die Feierlichkeit mit der gesamten Familie entschuldigt habe.

Das Wetter verspricht heute recht trocken, bei Temperaturen von knapp 10’C, zu werden.

Schnell erreiche ich den Ortsausgang und die gut asphaltierte Straße windet sich hoch in die Berge.

Nach wenigen Kilometern sehe ich viele Autos mit Warnblinkanlage am Straßenrand stehen. Ein PKW ist von der Fahrbahn abgekommen und hat sich mehrfach überschlagen. Ich halte nicht an, da schon zu viele Helfer tätig sind, mache mir jedoch abermals bewusst, dass ich mich langsam und vorsichtig fortbewegen muss.

Eine schöne Aussicht folgt der anderen und ich habe riesigen Fahrspaß.

Nach 150 km verlasse ich die Berge und mich empfängt die Einöde des Flachlandes mit, wie soll es auch anders sein, kaltem Wind in Sturmgeschwindigkeit. Es verlangt höchste Konzentration, die alte Fuhre nur auf der eigenen Fahrbahn zu bewegen. Permanent hat das Motorrad eh schon eine erhebliche Schräglage, um den Kräften die Stirn zu bieten.

Unterwegs halte ich zweimal an, da ich denke, irgendetwas stimmt mit dem Moped nicht. Es ruckelt und die Gasannahme ist nicht wie gewohnt. Aber jedesmal stellt sich heraus, dass dieses nur die Auswirkung des Gegenwindes ist. Ich als Motorradfahrer darf mich aber in dieser Situation nicht wirklich beschweren, denke ich da an die Radfahrer, die die gleiche Strecke mit schwer beladenen Rädern bewältigen müssen. Letzte Woche traf ich Martina und Jeff aus den Niederlanden, beide über 60 Jahre alt und mit dem Rad ein Jahr in Südamerika unterwegs. Beide erzählten von Situationen, in denen das Fahrrad zum Schieberad wurde und man jenes über 20 km gegen den Wind schieben musste. Super…! Andersrum erzählten sie aber auch von Geschwindigkeiten von 37 km/h nur durch Rückenwind angeschoben.

Nach zwei Stunden Fahrt mache ich ein kleines Kaffeepäuschen im Windschatten eines Strandhauses. Das Wochenendhaus zeigt deutliche Spuren der Witterung, vieles ist vom Wind zerfetzt. Die Fensterscheiben sind mittlerweile matt von dem Sandgebläse. Kaum bin ich abgestiegen, begrüßen mich zwei Schwestern mit ihren Familien, die hier die Feiertage verbringen.

Man fragt woher ich komme und wohin ich will. Gastfreundlich wie die Argentinier sind, wird mir direkt ein Mate-Tee angeboten. Der Mate-Tee ist das typische argentinische Volksgetränk und jeder und wirklich jeder hat sein kleines Tässchen mit dem Trinkhalm immer und überall dabei. In der Tasse ist eine Art Tee, welcher aus einem Teebusch gewonnen wird, indem man ihn komplett mit den Zweigen hechselt und ihn dann mit heißem Wasser aufgießt. Dabei ist immer nur ein Mund voll an Flüssigkeit im Trinkgefäß. Nachdem man einmal getrunken hat, wird der Inhalt mit heißem Wasser aus einer stets mitgeführten Thermoskanne aufgefüllt. Jetzt aber das Witzige. Bejaht man das Angebot des Tees, hat man binnen Sekunden den Trinkhalm des Mate-Tees im Mund. Mir ist es nun schon mehrfach passiert, dass ich aus Höflichkeit das Angebot von wildfremden Passanten angenommen habe und dann den aus Metall bestehenden Trinkhalm im Mund hatte. Dies ist hier so üblich, dass man aus einer Tasse trinkt und seinen Trinkhalm mit jedem teilt. Also eine für europäische Verhältnisse eher befremdliche Art und Weise, seine Gastfreundlichkeit zu zeigen.

So sitze ich also im Windschatten des Hauses und schlürfe mit den Damen an ihrem Becher Tee.

Man fragt, ob ich noch eine Unterkunft benötige, und bietet mir eine Couch im Wohnzimmer an. Ich lehne dankend ab, denn ich habe mir bereits ein Zimmer über AirBnB gebucht.

Am nächsten Tag mache ich mich wie gewohnt früh auf den Weg. Heute gilt es zwei Landesgrenzen zu passieren und eine Fährpassage über die Magellanstraße zu nehmen.

An der Grenze ist es immer das gleiche Prozedere. Als erstes geht man zur Immigration und lässt sich ein- oder ausstempeln. Dann folgt die Registrierung des Fahrzeuges und zum Schluss geht es dann durch den Zoll. Das heißt, pro Grenze zweimal diesen Ablauf und heute also viermal. Alles läuft wie geplant und ich habe die erste Grenze und die Magellanstraße passiert. Bei der zweiten Grenze, also bei dem Wiedereintritt nach Argentinien, passiert folgendes. Bisher war es immer so, dass zwischen den beiden Grenzstationen immer einige Kilometer an Distanz lagen. Hier allerdings ist es anders, was mir zum Verhängnis wird. Die Station ist voll und eine lange Warteschlange, die bis nach draußen reicht, verheißt nichts Gutes. Als ich nach einer Stunde des Wartens an der Reihe bin, arbeite ich alle Stationen ab. Das bedeutet, dreimal in die Warteschlange einreihen, bis man alle Stempel hat. Was mir komisch vorkommt, es gibt einen vierten Schalter. Auch ich stelle mich dort an und man kontrolliert meine Daten. Es dauert sehr lange und der junge Grenzbeamte hat offensichtlich ein Problem. Nach einer viertel Stunde bekomme ich meine Papiere mit dem Hinweis, ich wäre fertig und dürfte passieren. Froh über die Nachricht verlasse ich den chilenischen Grenzposten und fahre weiter um die Grenzstation Argentiniens zu suchen. Es kommt aber keine mehr…! Nach 25 km halte ich an einer Polizeistation und frage nach der Grenze. Der Beamte sieht mich verwundert an und meint, ich wäre doch schon dort gewesen. Wir kontrollieren meinen Pass und tatsächlich habe ich einen Einreisestempel von Argentinien. So weit so gut denke ich und im gleichen Augenblick läuft es mir kalt den Rücken runter. Ich bin zwar offiziell eingereist, aber ich habe kein Dokument für die temporäre Einreise meines Motorrades bekommen. Dieses Papier ist äußerst wichtig, da man damit nachweist, dass man Eigentümer ist und das Fahrzeug korrekt eingeführt hat. Auch steht die Länge der Einfuhr auf dem Dokument, meistens drei Monate. Ohne dieses Papier kann ich mein Fahrzeug nicht mehr aus dem Land ausführen. Das Fahrzeug würde bei dem Versuch des Grenzübertrittes beschlagnahmt werden. Der Polizeibeamte versichert mir trotzdem, dass ich dieses Dokument nicht benötige. Mit einem sehr unguten Gefühl baue ich an diesem Abend mein Zelt auf einem Campingplatz auf und schlafe schlecht. Am nächsten Morgen fahre ich recht angespannt zurück zur Grenze und frage mich, wie die Beamten reagieren werden.

Als ich eintreffe, gehe ich direkt zur ersten Grenzbeamtin und schildere mein Problem. Sie spricht kein Englisch und mein Spanisch ist hier schon lange am Ende. Es dauert nicht lange und ich stehe mit fünf Offiziellen in der zum Glück noch leeren Empfangshalle. Nach einigem hin und her versteht man mein Anliegen. Meine Papiere werden gecheckt und in allen Systemen abgeglichen.

Es wird untereinander laut diskutiert und gefachsimpelt. Leider ist der junge Kollege von gestern heute nicht im Dienst und könnte Klarheit in die Sache bringen. So vergeht eine Stunde des Wartens und ich werde von einem Schalter zum nächsten geschickt.

Irgendwann erscheint dann der Dienststellenleiter mit einem Gesichtsausdruck, den ich nicht deuten kann. Er schüttelt mir die Hand und übergibt mir meine nun kompletten Dokumente mit den Worten: „Buen Viaje!“… gute Reise.

Es fällt mir ein Stein vom Herzen und ich atme erstmal tief durch. Der Beamte fragt mich noch, wo ich heute hinfahre, und gibt mir einen Tipp für eine windgeschützte Campsite. Nachdem wir die Koordinaten ausgetauscht haben, mache ich mich wieder auf den Weg.

Der Fahrtag wird wieder recht einöd, allerdings steigen die Temperaturen auf angenehme 22’C.

Da ich keine andere Übernachtungsmöglichkeit im Kopf habe, beschließe ich den Rat des Grenzbeamten zu folgen und tippe die Daten in mein Navi. Als ich am späten Nachmittag den Zielort erreiche, traue ich meinen Augen nicht. Eine kleine Schotterstraße führt zum Rio Blanco hinunter und endet in einer grünen Oase. Was mich ein wenig stutzig macht, ist die Tatsache, dass hier die örtliche Polizeistation ist und ein halbes Dutzend Einsatzfahrzeuge auf dem Parkplatzabgestellt sind. Kaum angehalten öffnet sich die Tür der Dienststelle und ein junger Polizist kommt mir entgegen. Nach der üblichen Begrüßung fragt er mich, ob ich campen wolle.

Mit einem zögerlichen ja antworte ich auf seine Frage. Er bittet mich abzusteigen und ihm zu folgen. Hinter der Polizeidienstelle befindet sich ein Kleinod von Garten. Obstbäume, Stachelbeerbüsche, Blumen und eine sehr gepflegte Rasenfläche tun sich vor mir auf. Insgesamt knapp 20 Stellplätze mit Grillmöglichkeit und Sitzmöglichkeiten sind in den Garten eingebettet.

Ein schöner Platz ist schnell gefunden und mein Camp ist errichtet. Den ganzen Nachmittag sehe ich der Staatsgewalt bei der Gartenarbeit zu. Es wird geschnibbelt und gezupft, gegraben und bewässert.

Mindestens fünf mit Schusswaffen ausgestatteten Gärtnern habe ich auch noch nie bei der Arbeit zugesehen. Als ich ein Foto von dem Geschehen machen möchte, werde ich darauf hingewiesen, dass das Fotografieren verboten ist. Na klar, wenn das jemand von höherer Stelle mitbekommt, womit man hier die Arbeitszeit verbringt, macht das mit Sicherheit keine Freunde. Die Nacht ist stürmisch, aber ich schlafe in meinem sturmsicher abgespannten Zelt wie ein Baby.

Morgens bezahle ich bei den Beamten und bekomme noch einen Kaffee für die Fahrt in meinen Thermobecher gefüllt. Heute fahre ich meine bisher größte Distanz von knapp 620 km, denn ich habe keine Lust mehr auf den Wind und auf die eintönige Landschaft. Ich möchte wieder in die Berge, wo es grün und deutlich reizvoller ist. Im Laufe des Tages steigen die Temperaturen auf 28’C an und ich öffne alle Reißverschlüsse meiner Kombi. Sehr müde kehre ich auf einem Campingplatz an einem See ein, baue mein Zelt auf und gehe früh schlafen. Es ist bereits 1:30 Uhr als mich sehr laute Musik weckt. Die Diskothek des Campingplatzes ist eröffnet. Eine Nachtruhe gibt es hier anscheinend nicht. Trotz Ohropax höre ich bis in die frühen Morgenstunden den Klängen der argentinischen Musik zu. Eine Mischung aus Polka und Udo Jürgen auf Spanisch raubt mir jeden Nerv. Das war nun der fünfte offizielle Platz, auf dem ich geschlafen habe und überall war es laut und die sanitären Einrichtungen ihres Wortes nicht wert. Ab heute wird nur noch wild gecampt…!!

Die nächsten drei Tage bin ich Abseits der Haupttouristenroute unterwegs. Kaum Fahrzeuge kommen mir auf den schlechten Schotterpisten entgegen und ich habe endlich wieder das Gefühl, dort zu sein wo ich hin will. In die absolute Natur. Ich finde traumhafte Stellplätze an Seen und Flüssen. Am besten gefällt mir der Nationalpark „Los Alercis“, bekannt durch seine 60 m hohen Mammutbäume und den unglaublichen Wäldern. Wälder, die aus einem anderen Jahrtausend erscheinen, denn die ältesten Bäume hier sollen ca. 3000 Jahre alt sein.

Heute ist Sylvester und ich habe mich bei Claudia und Klaus angemeldet. Viele kennen sie von ihrem Buch “Abgefahren…in 16 Jahren um die Welt“, indem sie ihre Weltreise auf zwei XT500 beschreiben. Die beiden haben sich dann vor 15 Jahren mit ihrer jungen Familie in Patagonien niedergelassen.Mittlerweile sind die Töchter aus dem Haus und Klaus und Claudia leben alleine in ihrem traumhaften Tal. Mittendurch fließt ein Fluss, an dem ich mein Zelt aufschlagen kann.

Claudia ist zur Zeit bei ihrer Familie in Deutschland und so verbringe ich mit Klaus und vielen spannenden Geschichten den letzten Abend in diesem Jahr.

Auf dem Weg zum Haus werfe ich einen kurzen Blick durch das Fenster in die Werkstatt.

Was meine Augen dort sehen, lässt mich erstrahlen. Denn dort steht eines der beiden Motorräder, welches die ganze Welt bereist haben. Eine schöne alte XT500 im Fernreiseumbau und sie sieht aus als hätte man sie erst gestern dort abgestellt. Ein handgearbeiteter Alutank und ein massiver Gepäckträger zieren das Moped. Klaus hatte damals ein Floß gebaut und die Motorräder als Antrieb mit Hilfe eines Schaufelrades verwendet. Mit dieser schwimmenden Plattform sind die Beiden dann 4000 km über den Amazonas und später von Belgien zurück über den Rhein nach Köln gefahren.

Mehr Abenteuer geht nicht …!

3 Kommentare zu „#13 auf nach Norden“

  1. Ich wünsche Dir ein frohes neues Jahr. Ich bin beeindruckt von deiner Tour. Mach weiter so!
    Grüße vom Lünzumer Weg
    Ralli

  2. Hallo Danni,

    wieder ein tolles Kapitel !
    Cool, Dein Jahreswechselstopp bei der “Abenteuerprominenz” !!!
    Ich habe das Buch von Claudia und Klaus damals verschlungen und auch einen ihrer, damals noch Diavorträge besucht.
    Ich wünsche Dir einen guten Start in das neue Abenteuerjahr !
    Freue mich schon auf das nächste Kapitel.

    Gruß !
    Achim

    P.s. Es wäre wirklich schön, wenn Du Deine tollen Bilder in einem größeren Format einstellen könntest. 😉

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