#11 Von Patagonien nach Torres del Paine

Es ist viel passiert in den letzten Tagen…

Als Roli und ich von Puerto Río Tranquilo aufbrechen ist es 8:30Uhr, es ist bewölkt, trocken aber windig bei 11’C. Eigentlich wollte ich mir noch die berühmten Marmor Höhlen ansehen, da es sich aber ohne Sonne nicht lohnt, schenke ich mir diesen Teil.

Heute gibt es nur 300km Schotterstraßen zu fahren und wir sind mal wieder gespannt, in welchem Zustand sich die Pisten befinden. Schotterstraßen können alles sein, von sehr gut befahrbaren ebenen Strecken bis hin zur losen Schotterschüttung mit tennisballgroßen Steinbrocken. Alles verlangt höchste Konzentration des Befahrens, denn meine Reise-Trude hat auf losen Untergrund einen Bremsweg wie ein Schweröltanker. Allerdings benötigt man jedoch eine gewisse Grundgeschwindigkeit, damit das Vorderrad auf dem Schotter aufschwimmt und man genau wie beim Tiefschneefahren mit Skiern, das Motorrad nicht einsinkt. Nachdem ich den Reifendruck deutlich ablasse, fährt mein Motorrad auch wieder genau dorthin wo es soll, vorher tanzte es eher wie eine Kuh in Pumps über eine Eisfläche.

Die Schönheiten der Landschaft zeigen sich leider nur zur Hälfte, die Sonne fehlt halt und das sonst so strahlende Azurblau der Seen verwandelt sich in ein nichtssagendes Grau.

Ich überlege mir eventuell auf dem Rückweg hier noch einmal vorbei zu schauen…

Gegen Mittag trudeln wir gemütlich in Cochrane ein. Ein kleines verschlafenes Städtchen wie ich es liebe. Alles entspannt, keine Hektik, man sitzt auf der Plaza mit einem Mate-Tee und genießt in Ruhe den Tag. Mittlerweile ist das Wetter recht freundlich und stabil geworden. Roli beschließt spontan weiter auf der Carretera Austral bis an ihr Ende nach Villa O’Higgins zu fahren.

Ab hier ist es bis dorthin eine Sackgasse von 250 km Schotterpiste, also insgesamt knapp 500km Piste. Hinzu kommt die Wetterprognose und die Überlegung meine Reifen zu schonen. Ich beschließe einen anderen Weg zu fahren und so trennen uns unsere Wege hier. Wir werden uns bestimmt irgendwo wiedersehen. Es war eine schöne Zeit mit meinem Schweizer Wegbegleiter!

Da es mittlerweile zu spät für mich ist weiterzufahren, suche ich mir ein Hostel für die Nacht.

Das hört sich einfacher an, als es dann ist. Ich rolle ca. eine Stunde in der Stadt herum und sehe mir ein Hostel nach dem anderen an. Hostels sind kleine privat geführte Herbergen oder so etwas in der Art. Ich glaube jeder kann hier ohne große Konzession so ein Hostel eröffnen und viele machen das auch. Der Standard, wenn man hier überhaupt von irgendeinem Standard sprechen kann, den gibt es nicht. Es wird alles angeboten. Von der Couch in der Küche, von dem Gruppenschlafraum im alten Stall (ja, und man sieht und riecht es noch),

über das Kinderzimmer oder es wird auch das heilige Ehebett feilgeboten. Die Häuser sind keine Häuser im europäischen Verständnis, sondern häufig Hütten, gebaut aus dem, was man so über die Jahre gefunden und gesammelt hat. Alle Behausungen haben stets nur ein Wellblechdach und es zieht und knirscht der ganze Bau im patagonischen Wind. Das hört sich jetzt schlimmer an als es ist. Man darf nur nicht mit falschen Vorstellungen einkehren. Auch eine nicht ganz angenehme Tatsache ist, dass man grundsätzlich kein Toilettenpapier in der Toilette entsorgt. Man wirf es in einen bereitgestellten Eimer, der häufig randvoll gefüllt ist und beim Hinhocken meistens direkt vor der Nase steht….entspannte Morgentoilette geht bei mir anders.

Ich finde ein angenehmes Plätzchen und verbringe eine ruhige Nacht.

Nun bin ich ab heute wieder allein unterwegs und ich freue mich drauf! Man ist doch immer an Kompromisse gebunden, wenn man zu zweit reist. Heute lacht seit langem mal wieder die Sonne und es soll einer der bisher schönsten Fahrtage folgen. Es steht die Andenüberquerung Richtung Argentinien an. Dafür habe ich mir eine kleine, kaum befahrene Piste quer durch den Patagonia Nature Park ausgesucht. Der Einstieg ist schnell erreicht und die Piste ist in einem hervorragenden Zustand. Das Fahren macht ungeheuren Spaß. Bald erreiche ich das Hochplateau der südlichen Cordillera. Breite, mit Büschen und Gras bewachsene Täler, gesäumt von schneebedeckten Bergen.

Herden von Guanakos äsen entspannt vor traumhafter Kulisse. Das Guanako ist eine wildlebende Art innerhalb der Familie der Kamele. Es lebt vor allem im westlichen und südlichen Südamerika und ist die Stammform des domestizierten Lamas. Die Tiere leben in Gruppen von bis zu 15 Tieren und erreichen eine Schulterhöhe von 130cm. Das Problem dieser Tiere ist, sie sind saudoof! Fressen sie in diesem Moment noch entspannt am Wegesrand, kreuzen sie kurzerhand direkt vor dem Vorderrad die Straße, um zu flüchten. Das ist recht gefährlich, man muss immer damit rechnen, dass ein solches 150kg schweres Tier dir in dein Motorrad läuft. Aktuell kenne ich zwei Fälle, bei denen das so passiert ist.

Die Landschaft erinnert an den Norden von Neuseeland, an Schottland oder ans Voralpenland. Leicht geschwungene Hügel verschmelzen mit der Schotterpiste. Häufig muss ich mich zur Räson rufen und meine Geschwindigkeit drosseln. Die Strecke ist so flüssig zu fahren, keine Schlaglöcher gibt es auszuweichen und keine Spitzkehren bremsen den Fahrfluss…. Enduro fahren as it’s best!

Die Sonne wärmt trotz des eisigen Windes, kein Auto kommt entgegen, Condore kreisen im thermischen Aufwind, die Seen strahlen in ihrem unnatürlichen Blau….ein Tag wie aus dem Bilderbuch.

Nach 100km empfängt mich die chilenische Grenze. Dort treffe ich Klaus mit seiner KTM 990 Adventure wieder. Wir hatten uns morgens schon auf der Zufahrt getroffen und ein kleines Quätschchen gehalten. Der Grenzbeamte grüßt uns freundlich und der Papierkram ist innerhalb weniger Minuten fertig. Wir satteln auf und fahren die 25km bis zur argentinischen Grenze. Auch hier sind wir schnell fertig.

Innerhalb der nächsten 50km ändert sich die komplette Landschaft. Die grünen Wiesen verschwinden und werden durch braune Wüstenlandschaften ersetzt. Die schneebedeckten Berge weichen einem endlosen, bis an den Horizont reichenden Nichts. Wir sind auf der östlichen Seite der Anden angekommen. Kein Regentropfen gibt es hier mehr. Kein Grün, keine Bäume, keine Sträucher… Nichts! Nicht dass eine Steinwüste keinen optischen Reiz hat, aber der Wechsel zwischen dem grünen Paradies ist unglaublich. Das Einzige was gleich ist, ist der Wind! Er bläst mit einer genau so starken Intensität wie auf der anderen Seite der Anden. Häufig werde ich beim Befahren einer Serpentine am Scheitelpunkt von einer Böe erfasst und Richtung Abgrund gedrückt.

Auch hier heißt es wieder aufpassen, denn die Piste hat sich nicht zum Besseren verändert.

Nach weiteren drei Stunden erreichen wir das kleine, windige und sehr staubige Nest Lago Posadas.

Das Erste was man macht, wenn man in ein neues Land kommt ist, …? Genau, man versorgt sich mit ausreichend Bargeld! Und hier beginnt das Drama, welches meine Beziehung zu Argentinien nicht unbedingt verbessert. Also, wo fängt man dort an. Vor kurzem gab es hier in Argentinien einen Regierungswechsel. Das wiederum brachte den argentinischen Peso zum Absturz. Niemand möchte mehr Bargeld haben, da die Inflation zu hoch ist und das Risiko des Wertverlustes garantiert ist.

Dies hat zur Folge, dass nur jeder zehnte Geldautomat deine Kreditkarte akzeptiert, dass er dann wahrscheinlich nicht mit ausreichend Geld gefüllt ist und wenn er Geld hat, bekommt man maximal 70-80 € abgehoben, wobei eine 10%tige Gebühr anfällt. Ok…auf so etwas bin ich vorbereitet. Für solche Fälle habe ich immer eine Notreserve an US$ dabei. Leider haben natürlich alle Banken geschlossen und der Schwarzwechsler am Straßenrand hat auch schon Feierabend gemacht.

Auch für solche Fälle bin ich vorbereitet…! Eine Notreserve an Lebensmittel und immer zwei lebenserhaltene Bierdosen sichern auch in diesem Fall das Überleben. Klaus und ich beziehen ein kleines Hostel, welches von Martha geführt wird. Zum Abend kocht sie für uns eine Art Riesen-Canelloni gefüllt mit Spinat und Gehacktem….einfach lecker!

Am nächsten Morgen sind wir früh auf der Piste in Richtung El Chaltén. Die Piste ist schnell und wir sind fix unterwegs. Klaus fährt schneller voraus, denn sein Moped ist deutlich leichter als meins. Hinzu kommt, dass er nur sechs Wochen in Südamerika ist und er sein Material nicht zu schonen braucht. Die Landschaft wird zunehmend eintöniger, einfach nichts bis zum Horizont. Es wird ein langweiliger aber sehr stürmischer Fahrtag. Heute heißt es nur Kilometer abreißen.

Als ich abends in El Chaltén ankomme, zeigt der Tageskilometerzähler 512km, davon ca. 250km Schotter.

Wie soll es anders sein, es ist mal wieder orkanartiger Sturm. Eigentlich wollte ich mein Zelt an einem See aufschlagen. In der Nacht soll es noch anfangen zu regnen und morgen früh soll es extrem windig werden. Ich miete mir eine kleine Hütte und gehe sehr ausgeglichen ins Bett.

Als ich am nächsten Morgen einen kleinen technischen Check-up machen will, ist es so windig, dass es mir fast das schwere Motorrad vom Hauptständer weht. Kurzerhand wird die Regenrinne mit Hilfe eines Spanngurtes zum Sturmanker und ich kann meine nötigen Arbeiten verrichten.

El Chaltén ist bekannt für seine Berge. Unteranderem für den 3400m hohen Granitfels Fitz Roy… dem schönsten Berg Südamerikas. Leider macht mir das Wetter einen Strich durch die Rechnung und ich sehe den Berg nur schemenhaft im Wolkennebel. Lange warte ich und hoffe doch noch einen Blick zu erhaschen, leider umsonst. Ein wenig traurig verlasse ich den stürmischen Ort, mit der Möglichkeit, eventuell den Berg noch auf meinem Rückweg sehen zu können.

Auf dem Weg nach El Calafate passiert nichts Außergewöhnliches. Windige Teerstraßen und wenig landschaftliche Highlights lassen mich zügig Meter machen. Hier möchte ich mir am nächsten Tag den wohl berühmtesten Gletscher ansehen. Der Perito-Moreno-Gletscher ist mit die bekannteste argentinische Tourismusattraktion. Das Besondere an dem unter UNESCO-Weltnaturerbe eingestuften Gletschers ist, er ist einer der ganz Wenigen, die bis heute wachsen.

Als ich mich morgens um 7:00Uhr auf den Weg mache, scheint die Sonne bei blauem Himmel.

Ich freue mich auf das außergewöhnliche Spektakel, da der Perito Moreno sehr häufig kalbt.

Schnell verlasse ich die Stadt, um in den Nationalpark zu fahren. Mit jedem Meter der 80km langen Anfahrt zieht sich der Himmel mehr zu. Der Pfeil des Navis zeigt irgendwann direkt auf eine große Gewitterfront. Ich halte ein entgegenkommendes Auto an und frage nach dem Wetter am Gletscher.

Die Antwort ist alles andere als schön…schwere Gewitter regnen sich gerade ab und es soll sich die nächsten Tage nicht ändern. Nach kurzer Überlegung komme ich zu dem Endschluss die Anfahrt abzubrechen und weiter Richtung Süden zu fahren.

Am gleichen Tag erreiche ich den nächsten Höhepunkt, der auf keiner Südamerikareise fehlen darf.

Der Nationalpark “Torres del Paine“ ist zurecht einer der absoluten sehenswertesten Naturspektakel dieser Region. Paine heißt in der Sprache der Ureinwohner „himmelblau“, Torres del Paine also „Türme des blauen Himmels“.

Leider ist der Himmel heute nicht ganz so blau wie auf so manchem Werbefoto zu sehen, allerdings bin ich darüber froh, heute die Türme überhaupt zu sehen. Es ist schon recht spät und ich schlage erst mein Camp auf, bevor ich mich dem Genießen der Landschaft hingebe. Da es sich hier um einen Nationalpark handelt, ist das freie Campen absolut verboten. Ich finde einen schönen Platz und was mir besonders gefällt, alle Stellplätze haben eine eigene Wetterschutzhütte. Den Abend genieße ich mit einem Bier aus der Notreserve und einem schönen Anblick der atemberaubenden Szenerie.

Am Morgen gibt es einen leckeren Kaffee und ein paar Kekse… mehr benötige ich nicht, um gut gelaunt in den Tag zu starten. Eine Rundtour mit dem Motorrad steht für heute auf dem Plan.

Es folgen viele schöne Aussichten auf eine unglaubliche Bergkulisse. Angelehnt an mein Motorrad, mache ich ein Kaffeepäuschen und versinke mit meinen Gedanken in der Landschaft, als ich plötzlich aus dem Augenwinkel eine langsame Bewegung wahrnehme. Ich fokussiere den Bereich und mir stockt der Atem. Erst halte ich es für eine Täuschung und denke noch, dass es sich bei dem Tier um ein Guanako handelt, aber ich liege völlig falsch. Ein ausgewachsener männlicher Puma nähert sich mir in gekauerter Haltung. Seine Kopf geduckt, den Schwanz am Boden und die Ohren auf mich gerichtet. Man sieht seine Schulterblätter unter dem Fell hervorstehen. Hmm…denke ich, was nun? Aus meinen Erfahrungen mit wilden Tieren in Afrika weiß ich, keine hektischen Bewegungen und keine schnelle Flucht. Das löst nur den Jagdinstinkt aus. Mit einem Handgriff lasse ich meinen Thermobecher in den Tankrucksack gleiten und greife auf die bereitliegende Fotokamera.

Gleichzeitig drücke ich den Starterknopf des Motors und hoffe ein Bruchteil einer Sekunde, dass jetzt der Motor bitte anspringt. Langsam rutsche ich den Sattel des laufenden Motorrades, immer den Puma im Blick. Uns trennen nur noch 25-30m, er fixiert mich, ich fixiere ihn. Die Kamera ist gezückt und ohne in den Sucher zu sehen, mache ich so viele Aufnahmen wie es geht, bis mir die Luft zu dünn wird.

Wir sehen uns immer noch in die Augen, als ich den Gang einlege und langsam losfahre. Ich bin gespannt, was passiert. Entweder flüchtet er … oder ich. Die Distanz wird größer und der Puma kauert sich ins nahe Gebüsch. Als ich in sicherer Entfernung bin, drehe ich das Moped und beobachte noch über eine Stunde den Bereich, wo das Tier zu sehen war. Es lässt sich aber nicht mehr sehen.

Als ich später mit einem Ranger über das Erlebte spreche, bekommt dieser große Augen. Er erzählt von dem hier dominanten Männchen, das er selbst das letzte Mal vor sechs Monaten gesehen habe.

Als ich ihn nach der Situation frage, in der ich mich befunden hatte, antwortete er „…man weiß nie was passiert, ob das Tier krank oder verletzt ist…es ist halt ein wildes Raubtier…!“

Was für ein Tag mal wieder, Abenteuer halt…so wie ich es mag! Der Abend ist lau und ich trinke meine Notreserve auf. Dabei sehe ich noch einem Gürteltier bei der Nahrungssuche zu. Witzig diese kleinen Burschen mit ihren kleinen Ohren.

Sehr zufrieden klettere ich in meinen Schlafsack, kuschele mich schön auf mein Schafsfell. Heute Nacht wird es knapp über 0’C kalt, was mich aber nicht stört. Ich schlafe tief und fest, bin ausgeruht für den nächsten Teil meiner Reise. Morgen geht es weiter Richtung Ushuaia…oder „Fin del Mundo“, wie man hier sagt….

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@DanniMoto

5 Kommentare zu „#11 Von Patagonien nach Torres del Paine“

  1. Hi Danni, mittels diesem einmaligen technischen Wunderwerk wünsche ich dir frohe Weihnachten da unten in Feuerland. Ich genieße deine Geschichten und deine Bilder mit Genuss. Nun ist dieses Jahr fast zuende. Hättest du dir gedacht, dass du den Jahreswechsel da verbringst, wo du jetzt bist? Trotz der ganzen Möglichkeiten heutzutage, finde ich es immer noch verrückt, was alles geht. Fahre weiter auf deiner Reise auf der anderen Seite der Welt und berichte. Bleib gesund.

  2. Hallo Danni !

    Sehr schöne Bilder und spannender Bericht.
    Bin auf die kommenden Ereignisse gespannt.

    Dir schöne und erlebnisreiche Feiertage.
    Gruß aus dem wilden Westerwald !
    Achim

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