#9 Vulkane und die Carretera Austral

#9 Vulkane und die Carretera Austral

Der Regen prasselt an die Fensterscheibe des Gastraums meines Hostels in Puerto Cisnes.

Es ist Dienstag und ich bin nicht traurig über das schlechte Wetter und die damit einhergehende Zwangspause. Nun habe ich Zeit meinen Blog zu schreiben und die letzten langen Tage zu verarbeiten. Es ist viel passiert und ich habe auf den letzten 3000km unendlich viel atemberaubende Natur erleben dürfen. Das Wetter war sehr schön und dann ist es sinnlos Büroarbeit zu machen.

Vor ein paar Tagen als ich von Pucon aufbrach um die Vulkane zu sehen war der Himmel morgens noch sehr bedeckt. Bei meiner weiteren Fahrt aus den Bergen hinunter ins Flachland klarte der Himmel bald auf. Nach einer Durchfahrt eines Waldes tat sich dann ein unglaublicher Blick auf. Man konnte bis zum Horizont sehen und dort aufgereiht, thronten vier schneebedeckte Vulkane. Unter ihnen seine königliche Eminenz, der Osorno. Mit seinen 2652m ist er zwar nicht der Höchste, aber seine makellose Symmetrie und gekrönt mit einem Schneegipfel, läßt keinen Zweifel zu. Er ist der Schönste! Ich freue mich darauf ihn gleich aus der Nähe zu sehen, allerdings sind es noch 120km zu fahren.

Je näher ich komme, desto wolkiger wird es und meine Laune sinkt. Wie sehr habe ich mich auf den Osorno während meiner Reiseplanung gefreut und nun sehe ich nichts mehr. Er ist einfach in den Wolken verschwunden. Nach zwei Stunden Fahrt mache ich dann auf einer Wiese eine ausgiebige Pause und halte ein kleines Schläfchen. Nach einer Weile werde ich geweckt, durch Sonnenstrahlen die hier und da durch die Wolkendecke blitzen. Voller Optimismus beobachte ich die Wetterlage und bekomme doch noch die Hoffnung den Vulkan zu sehen.

Gerade als ich mein Stativ aufbaue kommt ein Traktor des Weges. Er hält in gebührenden Abstand und eine kräftige männliche Person, bei der die Latzhose schon am Bauch spannt, steigt aus. Ich grüße auf spanisch, worauf hin er auf deutsch antwortet. Ich bin verdutzt und erwidere die Begrüßung mit einem kräftigen Händedruck. Der Bauer stellt sich vor, Egon Himmler ist in der vierten Generation nun Chile mit deutschen Wurzeln. Sein Urgroßvater kam 1874 nach Chile um sich hier eine neue Existenz aufzubauen. Wir plaudern eine Weile, bis plötzlich die Wolkendecke komplett aufreißt und den Blick auf die Schönheit freigibt. Was ein Glück! Ich bin ganz aufgeregt und fange an zu fotografieren. Immer im Hinterkopf, dass das Motiv gleich wieder hinter den Wolkenvorhang verschwinden könnte. Diese Sorge ist unbegründet, es bleibt für die nächsten fünf Tage wolkenlos, bei angenehmen Temperaturen.

Ich verbringe den Rest des Tages damit, mich an den Naturschönheiten satt zu sehen. Der Magen knurrt und Durst habe ich, denn ich habe total vergessen den ganzen Tag etwas zu mir zu nehmen. Und wie es so sein soll, fahre ich kurze Zeit später an dem Lokal „Rincon ALEMÁN“ vorbei. Es liegt mit traumhaften Blick auf den Vulkan direkt an dem Lago Llanquihue. Ich bestelle mir den empfohlenen Hamburger “Osorno“ und eine Coke.

Es soll der erste Burger werden den ich nicht komplett verspeisen konnte, da er genau so majestätisch war, wie sein Namensgeber. Müde und sehr zufrieden trete ich die Fahrt zu meiner heutigen Unterkunft an. Sie liegt genau am gegenüberliegenden Ufer des Sees, mit Sicht auf die Vulkane.

Während eines kleinen Fotostopps treffe ich den Schweizer Roli, der mit seiner BMW 1200GS auch Südamerika bereist. Er ist ein halbes Jahr unterwegs. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß, wir werden die nächste Zeit zusammen fahren.

Die Unterkunft ist schnell gefunden und bezogen. Das kleine Häuschen liegt auf einem 5ha großen Grundstück direkt am See. Miguel und Magdalena begrüßen mich herzlich und zeigen mir ihr Zuhause. Obwohl Miguel pensionierter Lehrer ist, leben die beiden sehr pragmatisch ohne jeglichen Komfort. Man könnte sogar sagen ärmlich. Alte stabile Kartons werden mit Stoff abgedeckt und als Tischchen genutzt. Aber alles ist wohnlich und mit Liebe eingerichtet.

Auch mein Zimmer ist sehr schön. Der Clou aber ist….aus meinen nagelneuen Bett kann ich die Vulkane am anderen Ende des Sees sehen. Ein Platz um Helden zu zeugen….

Noch an diesem Abend beschließe ich noch eine weitere Nacht zu bleiben. Es muss noch ein Ticket für eine Fährüberfahrt organisiert werden und ich möchte mir Puerto Montt ansehen.

Nach einer hervorragenden Nacht in meinem, mit einer Heizdecke, ausgestattetem Bett, fahre ich in die Stadt um die Besorgungen zu machen. Die Fährgesellschaft Samarco ist dank Handyapp schnell gefunden und das Ticket gekauft. Ich beschließe zum Fischerhafen zu fahren um dort zu essen.

Nun mache ich es wie häufig. Ich halte nicht dort wo die ganzen Werbeschilder für die Touristen stehen, sondern ich fahre in die letzte Ecke, dort wo die Arbeiter essen gehen. Die Fischplatte ist ausgesprochen vielfältig und schmackhaft. Von Muscheln verschiedenster Art, Oktopus und auch King-Crab ist alles dabei. Einfach lecker!! Wie in allen und ich betone allen Restaurants, Kneipen und Straßenküchen dröhnt im Hintergrund immer ein Fernsehen mit irgendeiner Daily-Soap oder einem Manga-Zeichentrickfilm. Niemand sieht hin, aber es muss unbedingt laufen.

Am nächsten Morgen verabschiede ich mich früh, denn heute wird ein langer Tag. Über kleine Straßen fahre ich noch einmal an den Vulkanen vorbei, an denen ich mich nicht sattsehen kann.

Es folgt ein sehr schöner Fahrtag über die offiziell schönste Straße Chiles, der „Carretera Austral“. Diese Straße ist ca. 1000km lang und führt durch die Fjord und Bergwelt Chiles. Die Landschaft erinnert mich stark an Norwegen. Nur die Vegetation ist deutlich anders. Baumhohe Fahne und eine Pflanze Namens „Gunnera Manicata“ säumen den Wegesrand. Auf deutsch auch Riesen-Rababer oder auch Mammutblatt genannt, wird sie bis zu 3m hoch und die Blätter haben einen Durchmesser von bis zu 150cm. Man kommt sich vor, wie in dem Setup von Jurassic Park.

Abends treffe ich Roli am Fährhafen wieder und wir trinken ein Bierchen zusammen. Roli ist im besten Alter und hat mit seinem Fahrrad und nun mit seiner BMW schon die ganze Welt bereist. Viel hat er den südlichen Teil der Welt erkundet, um den langen Winter der Schweiz zu entgehen. Aktuell kommt er gerade aus Nordchile und Argentinien. Roli gibt mir gute Tips und Adressen die mir im Notfall weiterhelfen könnten.

Die Fährüberfahrt startet bei schönsten Wetter und ich verbringe die ganzen fünf Stunden auf dem Oberdeck. Mit von der Partie sind sechs Motorradfahrer und ihre Sozias aus Chile. Schnell kommen wir ins Gespräch und die Zeit ist recht kurzweilig. Als dann die ersten Flachmänner auf den Tisch kommen und eine Stimmung wie auf einer Apres-Ski Hütte entsteht putze ich schnell die Platte, wir müssen ja später noch ein wenig fahren.

Nach dem Verlassen der Fähre lassen wir erstmal alle Fahrzeuge passieren, denn ab nun fahren wir auf Schotterpisten. Nachdem sich der aufgewirbelte Staub gelegt hat, fahren wir los.

Es dauert keine Stunde und wir finden einen schönen Campingplatz, direkt an einem See mit Sanitäreinrichtungen. Es gibt kalte Küche und Dosenbier zum Sonnenuntergang.

Wir starten früh und ausgeschlafen nach Futaleufú, einem kleinen Ort an Ende eines Tales, welches unter Rafting und Kajakfahrern bekannt ist. Der Rio Espolon ist einer der Top 10, der weltweit bekanntesten Reviere für Wassersportler. Die Schotterstraße schlängelt sich an Seen und Weiden mit Rindern und Pferden vorbei. Hier riecht es überall nach Pferd, denn jeder der Bauern hat einige von den Tieren um seine Rinderherden zu hüten. Ringsherum ragen schneebedeckte Berge und Vulkane aus dem Grün der Landschaft. Eine Ansammlung von Autos läßt mich langsamer fahren und dann stoppen. Am Wegesrand ist ein Gatter aufgebaut und zwei dutzend Gauchos treiben gerade ihre Kälber zusammen um sie der nötigen Impfung zu unterziehen. Im gleichen Arbeitsschritt versehen sie auch alle Tiere mit ihren Brandzeichen. Die Stimmung ist ausgelassen und das erste Bier schmeckt schon. Wir haben Glück, das wir gerade heute hier sind, denn das staubige Geschehen findet nur einmal im Jahr statt.

Eine Stunde später fahren wir auf eine Campsite direkt an dem Fluss. Er liegt wind und sonnengeschützt unter hohen Bäumen. Im Sommer wird es auch hier in den Bergen rund 35’C heiß. Auf dem gesamten Platz stehen Motorräder aus Deutschland, Östereich und der Schweiz. Wie sich später herausstellt ist dies eine geführte Motorradgruppe des Veranstalters Explo-Tours aus Deutschland. Diese Tour hier führt von Santiago de Chile über Ushuaia nach Punta Arenas, dauert vier Wochen und kostet ca. 5500,- inklusive Verschiffung des Motorrades. Dazu kommen noch Sprit und Flugkosten sowie Taschengeld. Kein günstiges Unterfangen, finde ich.

Der Abend ist warm, wir sitzen draußen am Fluss und trinken Dosenbier.

Früher hatte ich schon mal daran gedacht, so eine geführte Tour zu buchen. Heute kommt es für mich aus verschiedenen Gründen nicht mehr in Frage und ich bin froh, dass ich es nie gemacht habe.

Häufig ist es eine ganz spezielle Art von Motorradfahrern die so eine geführte Reise machen. So auch in diesem Fall. Die wenigsten der anwesenden Mitfahrer sind mir sympathisch, eventuell liegt es an den weißen Polohemden mit hochgeschlagen Kragen und dem Tommy Hilfiger Pullöverchen, den teuersten Outdoor-Uhren, den neusten Motorrädern mit allen was man sich an Zubehör anbauen kann oder daran, dass mir drei Teilnehmer innerhalb von 15 Minuten erzählen wie toll sie sind und wo sie schon überall auf der Welt Motorrad gefahren sind. Understatement geht anders, aber das haben diese Personen noch nicht gelernt. Aber da sind wir wieder bei unserer europäischen Mentalität. Ich bin nur der, der etwas vorweisen kann. Also seht her, was ich alles habe und findet mich toll. Fürchterlich…!

Das ist rein meine persönliche Meinung, aber wie das die Einheimischen sehen müssen, wenn diese im Monat nur 400€ verdienen, das möchte ich besser nicht wissen.

Da sich die Wetterlage in den nächsten Tagen deutlich verschlechtern soll, starten wir wieder früh. Als Ziel wählen wir den kleinen Hafen Puerto Cisnes und buchen uns, in weiser Voraussicht unterwegs ein Zimmer in einem kleinen Hostel mit Restaurant und schönem Gastraum.

Hier sitze ich nun, es regnet in Strömen und schreibe diese Zeilen. Im Rücken ist es schön warm dort steht der Holzofen, im Hintergrund dudelt mal wieder das TV und ich trinke einen schönen heißen Kaffee. In der Küche werkeln viele kleine Hände an den Leckereien die es heute Abend zu essen geben wird.

Es könnte deutlich schlimmer sein..

 

5 Kommentare zu „#9 Vulkane und die Carretera Austral“

  1. Hallo Danni,
    ganz großen herzlichen Dank das du über deine Reise, deine Eindrücke und Gedanken berichtest. Wenn ich deine Aufnahmen sehe, komme ich ins Schwärmen und Träumen, dir es irgendwann gleich zu tun. Ich beneide dich und freue mich gleichzeitig für dich. Du lebst gerade den Traum vieler Motorradfahrer und nimmst uns mit deinem Block mit. Danke dafür.
    Beste Grüße Axel

  2. wunderbarer Bericht mit phantastische Photos, da kann ich nur sagen DANKE und weiter so! Bleib auf’m Moped sitzen, damit du uns noch viel zeigen und erzählen kannst!
    Jutta + Kartoffel

  3. Hallo Danni,

    seeehr schöne Bilder und ein gut erzählter Tourbericht !
    Interessant sind Deine geschilderten Gedanken zu den Pauschal-Motorradabgenteurern.
    Ich selbst habe eine Zeit lang mein Geld mit solchen Leuten verdient.
    Ist schon ein sehr spezielles Klienteel .
    Armselig wird es dann, wenn sog. “Spezialmagazine” deren Abenteuerreiseberichte in Hochglanz veröffentlichen.

    Ich wünsche Dir noch eine tolle Reise und uns viele weitere Bilder und Berichte !
    Gruß !
    Achim

  4. Herrlich, ich kann gar nicht genug bekommen und fiebere schon dem nächsten Bericht entgegen. Nicht nur den hiesigen Weihnachtsmist würde ich mal direkt tauschen gegen dein Abenteuer!

  5. Hallo Danni
    Ich freue mich immer auf deine Bilder und
    Berichte echt klasse . Wir wünschen dir schon jetzt frohe Weihnachten und ein schönes neues Jahr bleib gesund und weiterhin eine
    schöne Zeit auf deinem Abenteuer Trip.
    Gruß
    Norbert u Helga

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